Digitalisierung – viele Probleme analog

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Ich verbringe mit meinem Mann ein paar Tage in einem schönen Wellnesshotel in den österreichischen Alpen. Eine Zeit, in der ich es immer genieße, mal offline zu sein. Das heißt, das Handy bleibt im Zimmer und wird zweimal am Tag gecheckt, ob es eine Nachricht von der Oma gibt, die unser Kind betreut.

Im Ruheraum muss ich grinsen. Es sind interessanterweise vor allem die älteren Gäste, die alle mit ihrem Smartphone beschäftigt sind. Sie schauen Filmchen, checken die neuesten Shopping-Seiten, lesen Artikel oder spielen. Wer hätte das gedacht. Und tatsächlich sind die Babyboomer digitaler als ihr Ruf. Die aktuellen Marktforschungsergebnisse von Deloitte zeigen, dass die 55- bis 74-Jährigen neue technologische Entwicklungen durchaus annehmen.

Die Vorteile der Digitalisierung

Digitalisierung ist der Megatrend des 21. Jahrhunderts. Die Unternehmen investieren viel Geld in technische Lösung, um die Arbeit effizient und transparent zu machen.

Und tatsächlich bietet uns die Digitalisierung viele Vorteile:

  • Wir können riesige Datenmengen durchsuchen und analysieren, um wichtige strategische Erkenntnisse zu erhalten.
  • Sie spart uns Zeit, da wir jederzeit eine unglaubliche Menge an Wissen abrufen können, für die wir früher tagelang in der Bibliothek verbracht hätten.
  • Unsere Arbeit und die Vorgänge in Unternehmen werden transparenter.
  • Wir können Mitarbeiter, Kunden und Partner rund um die Welt in kürzester Zeit kontaktieren und über Webapplikationen sogar globale Meetings abhalten.
  • Eine weitere Errungenschaft ist die Mobilität. In vielen Jobs können wir heute an den unterschiedlichsten Orten arbeiten. Wir können fast von jedem Ort der Welt auf alle möglichen Informationen zugreifen.
  • Wir können ein weltweites Netzwerk pflegen.

So betrachtet, erleichtert die Digitalisierung unser Leben enorm. Warum aber steigen die Raten der psychischen Erkrankungen von Jahr zu Jahr? Warum werden viele der Unternehmen trotzdem nicht effizienter?

Die Nachteile der Digitalisierung

Eines ist sicher: Das Leben hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Wenn mir Menschen in den Unternehmen von ihren Sorgen und Nöten berichten, dann habe ich nicht das Gefühl, dass für sie ihr Leben durch die Digitalisierung wirklich leichter geworden ist. Ganz im Gegenteil:

  • Immer mehr Arbeit wird auf immer weniger Köpfe verteilt.
  • Die Technik läuft nicht immer wie erwartet.
  • Kaum kennt man sich mit dem einen Programm aus, gibt es schon wieder ein neues.
  • Es fehlen zuverlässige Daten, weil Mitarbeiter sich weigern die Software zu nutzen.
  • Der Mensch ist nicht zum Sitzen gemacht. Langes Sitzen macht unseren Körper auf Dauer krank.
  • Wir haben das Gefühl, dass wir oft nur noch reagieren, anstatt proaktiv zu agieren.

Mehr als 16 Jahre meines Lebens war ich als IT-Consultant in großen Konzernen tätig und habe die Digitalisierung fleißig mit vorangetrieben. Meist sind die neuen Tools, die wir ins Unternehmen brachten, nicht auf große Gegenliebe gestoßen. Häufig war nicht die Zeit und nicht das Geld vorhanden, um die Mitarbeiter adäquat auf den Wechsel der Software vorzubereiten, geschweige denn bei der Implementierung deren Erfahrungen zu berücksichtigen.

Dabei ist gerade die Akzeptanz der Mitarbeiter ein wichtiger Erfolgsfaktor für die sinnvolle Nutzung einer Software.

Analoge Probleme in Sachen Digitalisierung

Auch heute noch sind die größten Probleme der Digitalisierung analog:

  • Mitarbeiter, die sich von der Digitalisierung überfordert fühlen und nicht bereit sind, sich mit neuen Programmen auseinanderzusetzen.
  • Mangelndes Vertrauen in die Technik.
  • Kein Vertrauen in die eigenen Mitarbeiter, wenn diese im Homeoffice sind.
  • Mangelnde Abgrenzung, ständige Erreichbarkeit und Multitasking gehören zu den größten Stressfaktoren.

Es wird höchste Zeit, dass wir dem Menschen, dessen Bedürfnissen und seine Beziehungen mindestens einen genauso großen Stellenwert einräumen wie der Implementierung einer neuen Softwarelösung.

Nur wenn ich als Unternehmer oder Führungskraft meine Rolle als Vorbild einnehme, die Bedürfnisse und Sichtweisen meiner Mitarbeiter ernst nehme und diese in Entscheidungen mit einbinde, kann ich eine Offenheit gegenüber Veränderungen erwarten.

Oft besteht die Erwartung bzw. der Wunsch, dass Mitarbeiter mehr Verantwortung für sich und ihr Handeln übernehmen. Die Frage ist: Behandeln wir als Führungskraft unsere Mitarbeiter tatsächlich als Erwachsene oder dürfen sie nur Eigenverantwortung übernehmen, wenn es in unsere Pläne passt? Das ist im Übrigen auch eine spannende Frage für Eltern. Auch sie sind nichts anderes als Führungskräfte für ihre Kinder.

Die Generation der Babyboomer sind in einem Umfeld groß geworden, in dem es mehr um Anpassung und Pflichterfüllung als um Meinungsäußerung und Bedürfnisbefriedigung ging. Eine Veränderung kann nur durch eine Vorbildfunktion und eigene Reflexion stattfinden.

Heute spricht man oft vom Empowerment (Ermächtigung, Übertragung von Verantwortung). Die Führungskraft darf sich die Frage stellen: Was kann ich tun, damit meine Mitarbeiter Verantwortung für sich selbst und ihr Handeln übernehmen?

Ein weiterer Anspruch ist die Bereitschaft, Veränderungen zu akzeptieren. Veränderungen im Außen sind dann gut zu meistern, wenn wir selbst in uns eine große Sicherheit spüren. Handeln wir nach unseren eigenen Werten und Prinzipien, erleben wir diese Sicherheit und finden auch in unruhigen Fahrwassern Halt. Dazu müssen auch wir innehalten und uns selbst bewusst werden.

In vielen Softwareprojekten wird mittlerweile agil gearbeitet. Dies erfordert auch ein anderes Verständnis von Fehlern. Fehler passieren und wir lernen daraus. Oft ist in den teilweise agil arbeitenden Unternehmen alles gut und der Kunde zufrieden, bis tatsächlich ein größerer Fehler passiert. Anschließend wird der Ruf nach den alten Prozessen und Kontrollmechanismen wieder laut. Veränderung bedarf auch hier einem bewussten Wandel.

Ich halte es für wichtig, dass wir uns parallel zur Digitalisierung auch als Menschen weiterentwickeln und immer wieder innehalten und schauen, ob das Problem in der Software liegt oder analog ist und was eine adäquate Lösung sein könnte.

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Silke Wolf

Silke Wolf ist Trainerin, Consultant und Coach zum Thema Resilienz und gesunde Führung unter dem Aspekt von New Work. Vor 5 Jahren ist sie im Bereich der Burnout-Prävention gestartet und hat Gesundheitstage in Unternehmen mitgestaltet, Führungskräfte sowie Mitarbeiter gecoacht, Vorträge und Workshops gehalten. Sie hat 16 Jahre als IT-Consultant und Projektleiterin in großen Unternehmen, die Einführung von komplexen IT Systemen konzeptioniert und begleitet und dabei die Grenzen der menschlichen Leistungskraft am eigenen Leibe erfahren. Ihr Augenmerk liegt darauf, ein neues gesünderes Bewusstsein in Unternehmen zu bringen, damit wir die uns innewohnende schöpferische Kraft gewinnbringend einsetzen, zu unserem eigenen Wohl und dem unseres Unternehmens.

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Silke Wolf

Silke Wolf ist Trainerin, Consultant und Coach zum Thema Resilienz und gesunde Führung unter dem Aspekt von New Work. Vor 5 Jahren ist sie im Bereich der Burnout-Prävention gestartet und hat Gesundheitstage in Unternehmen mitgestaltet, Führungskräfte sowie Mitarbeiter gecoacht, Vorträge und Workshops gehalten. Sie hat 16 Jahre als IT-Consultant und Projektleiterin in großen Unternehmen, die Einführung von komplexen IT Systemen konzeptioniert und begleitet und dabei die Grenzen der menschlichen Leistungskraft am eigenen Leibe erfahren. Ihr Augenmerk liegt darauf, ein neues gesünderes Bewusstsein in Unternehmen zu bringen, damit wir die uns innewohnende schöpferische Kraft gewinnbringend einsetzen, zu unserem eigenen Wohl und dem unseres Unternehmens.

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