Freigesetzte Energien nutzen – Was Corona für Lernen und Zusammenarbeit bedeutet

Bild zum Trendkolumne von Gudrun Porath zum Thema E-Learning und Corona auf dem Blog der L&Dpro
Foto: Stanislav Kondratiev; Unsplash

Videokonferenzen und E-Learning sind DIE Tools der Stunde. Ob daraus nach dem Abflauen der Corona-Pandemie ein großes Geschäft wird, ist nicht sicher. Aber es gibt gute Gründe für eine positive Marktentwicklung.

Das hatte sie sich anders vorgestellt. Der Anruf kam vom „Chef“, wie die 15-Jährige den Leiter einer örtlichen Nachhilfeschule nennt, für die sie arbeitet. In der Zeit der Schulschließungen und in den Ferien soll sie ihre Nachhilfeschüler ab sofort per Skype unterrichten. „What?“ (Zitat). In WhatsApp, Instagram und diversen Video- und Bildbearbeitungstools ein absoluter Profi und auch auf dem Schulserver ziemlich gut unterwegs, stieß dieses Ansinnen zunächst auf Unwillen.  Was ihr nichts half, denn sie will ja Geld verdienen. Also geht es los.

Ähnliches erlebe ich gerade bei TrainerInnen und Coaches, deren Auftraggeber ihre Workshops und Trainings nicht gecancelt haben, sondern sie auffordern, diese doch ins Internet zu verlegen und digitale Tools zu benutzen. Begeistert sind sie nicht und darauf vorbereitet ebenso wenig. Wenn davon aber das wirtschaftliche Überleben abhängt, werden erstaunliche Energien und Kreativität freigesetzt, sich mit dem ungewohnten Thema zu beschäftigen.

Welche Energien, das haben wir in den vergangenen Wochen bereits erleben dürfen. Viele Konferenztools, E-Learnings und sogar Learning Management Systeme werden für die Zeit des Lockdowns in einer kostenlosen Variante oder mit einem hohen Rabatt zur Verfügung gestellt. Tools wie Zoom, Skype, Microsoft Teams oder Slack ächzen unter ungewohnten Nutzerlasten, weil sie Menschen im Home Office überall auf der Welt mit ihren Kollegen verbinden.  Auch Veranstalter müssen umswitchen. Das Corporate Learning Camp in seiner digitalen Variante oder auch die Digital Days der TALENTpro sind nur zwei von einer ganzen Reihe von Beispielen, wie eine Krise zu erstaunlichem Engagement und Ideen führt. Beide Veranstaltungen konnten nicht als Live-Version stattfinden, wie es eigentlich geplant war. Das CLC musste den in Hamburg geplanten Termin auf den Spätsommer verlegen, die Talentpro in München ebenfalls. Doch statt den Kopf in den Sand zu stecken, stampften die Veranstalter innerhalb kürzester Zeit ein virtuelles Event aus dem Boden. Mit Vorträgen, Live-Demos und Video-Pitches. Beim digitalen CLC-Camp waren es die Teilgeber sogar selbst, die für funktionierende Technik sorgen mussten. So gab es sogar eine virtuelle Lounge in 3D, für die „Kaffeepause“ zwischendurch, und die Teilnehmer erfuhren nicht nur, wie  E-Moderation oder Chatbots funktionieren, sondern konnten auch den Umgang mit über 15 verschiedenen Webkonferenz- und Kollaborationstools lernen.

Was nach dem Lockdown mit dem Markt für digitale Lernsysteme, Kollaborations- und Konferenztools passiert, darüber sind sich die Experten nicht einig. Was wir wissen ist, dass Corona uns nicht so schnell verlässt und das die meisten Unternehmen diese Krise nicht unbeschadet überstehen werden. Eine Rezession scheint unausweichlich und ja, die Krise kostet, auch Arbeitsplätze. Wann wir uns davon erholt haben werden, kann aktuell keiner  mit absoluter Sicherheit beantworten. Der zweite Aspekt ist, dass man davon ausgeht, dass die Menschen, wenn alles wieder normal läuft, keine Lust auf digitales Lernen und digitale Konferenzen mehr haben werden, sondern  sich umso lieber persönlich treffen möchten.

Dennoch plädiere ich für Aufbruch statt Zusammenbruch, wie ein neuer Hashtag im Business-Netzwerk LinkedIn lautet. Dafür gibt es gute Gründe. In der Not hat sich gezeigt, was geht. Die Technik gibt es längst, selbst die Infrastruktur in Deutschland funktionierte bislang besser, als sich viele das vielleicht vorgestellt haben. Jetzt wird sie, zwangsweise, flächendeckend angewendet. Aus Sicht der Unternehmen hat die Krise gezeigt, auf was sie vorbereitet sein müssen und was es wirklich heißt, agil und flexibel zu arbeiten. Muss das jetzt heißen, alle ab ins Home Office? Nein, sicher nicht. Aber es wird zukünftig akzeptierter sein und mehr Menschen möglich, von zu Hause aus zu arbeiten.

In der Pandemie stellt sich auch die Frage, was macht unsere Wirtschaft überlebensfähig und reaktionsstark? Es sind die Mitarbeitenden und Selbstständigen, die gut ausgebildet sind, die mit viel Kreativität Innovationen schaffen, die sich etwas zutrauen. In einer Studie von 2018 fanden das MIT und Deloitte heraus, dass in den leistungsstärksten Unternehmen 73 Prozent der Mitarbeiter ihre Fähigkeiten alle sechs Monate und 44 Prozent sogar kontinuierlich aktualisieren. Das war vor der Pandemie, das gilt nach der Pandemie umso mehr, auch wenn die Investitionen in Lerntechnologien womöglich noch etwas warten müssen, werden sie kommen.

Und dann war da ja noch das Argument, dass jetzt alle nur noch zurück zur Präsenz wollen, weil man ja so lange alleine im Home Office gesessen hat. Na ja. Präsenzformate wird es immer geben und sie haben ihre Berechtigung. Das sich nicht die Frage des Entweder-oder stellt, dafür sind die zwei oben genannten Beispiele des CLC Camp und der TALENTpro wohl die besten Beispiele. Die Herausforderung des digitalen Formats haben Teilgeber wie Teilnehmer angenommen und mit viel Engagement mit Leben gefüllt. Das wird nicht verschwinden, nur weil es irgendwann auch wieder in Präsenz geht, sondern als Bereicherung empfunden. Als Möglichkeit, Themen und Technik und Menschen kennenzulernen.

Foto von Autorin Grudun Porath_Autorin der Trendkolumne
Gudrun Porath
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Gudrun Porath ist freie Journalistin und Moderatorin. Die studierte Kulturwissenschaftlerin arbeitete für Tageszeitungen, bis sie 1999 zu einem jungen Kommunikationssoftware-Unternehmen wechselte und dort unter anderem nach dem Börsengang die Finanzmarktkommunikation verantwortete. 2005 machte sie sich als Journalistin selbstständig und spezialisierte sich auf die Themen digitales Lernen und Weiterbildung, über die sie seitdem für Fachzeitschriften schreibt und Veranstaltungen moderiert. Auf haufe.de erscheint ihre E-Learning-Kolumne.

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