„4K-Zukunftskompetenzen“ schön und gut – aber wie entwickeln wir diese eigentlich?

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Foto: Diego PH, Unsplash

Über das Schlagwort „Zukunftskompetenzen“ wird aktuell diskutiert wie über kaum ein anderes Thema. Das ist gut, denn gerade in Zeiten der Veränderung braucht es einen Kompass und eine zielgerichtete Vision, die die Umsetzung der Maßnahmen vor allem im Learning & Development Bereich wesentlich effektiver macht. Beiträge darüber erzeugen oftmals viel positive Resonanz und die Mehrheit ist sich einig: „Genau das brauchen wir in einer VUCA Welt!“ – doch dann bleibt oftmals noch eine Frage unbeantwortet: Wie entwickeln wir diese Kompetenzen überhaupt? Dieser Artikel soll darüber erste Erkenntnisse bieten.

 

Kreativität, Kritisches Denken, Kollaboration und Kommunikation als „nicht-digitalisierbare“ Kompetenzen

Wenn über Wissen, Fähigkeiten und Haltungen, die wir in Zukunft noch benötigen, gesprochen wird, ist das „4K-Modell“ oft nicht weit entfernt. 2013 von der OECD vorgestellt[2], schließt es folgende Kompetenzen ein: Kreativität, Kritisches Denken, Kollaboration und Kommunikation. Diese machen im Zeitalter der Digitalisierung und in der sogenannten „VUCA Welt“[3] auch großen Sinn: Denn diese sind (angeborene) menschliche Fähigkeiten, die selbst bei rapiden Entwicklungen künstlicher Intelligenz nur schwer bis nicht zu digitalisieren bzw. zu automatisieren sind. Während einfache, monotone Tätigkeiten mehr und mehr von Maschinen und Algorithmen übernommen werden, bleibt es aktuell schwer vorstellbar, wie ein Computer Neues schöpfen, den Status quo hinterfragen und empathisch kollaborieren und kommunizieren soll. Ob dies doch irgendwann möglich sein wird, bleibt offen – für den heutigen Stand der Dinge lohnt es sich aber, sich auf die Entwicklung dieser Kompetenzen in allen Bildungsmaßnahmen sowohl in Schulen und Universitäten, als auch in Ausbildung und beruflicher Weiterbildung zu konzentrieren.

 

Bewusstsein – die Schlüsselkompetenz mit 4K als „Nebenwirkung“?

Werden Beiträge zu diesem Thema mit Forderungen von „mehr Kreativität“ oder „Mut in der Krise“ oder „empathischer Kollaboration“ geschrieben, erhalten sie oftmals viel Zustimmung. Leider Gottes bleibt es eben oftmals dabei; man könnte sagen, dass sich allein die Vorstellung, dass wir alle kreativer, mutiger, und kritischer sind, gut anfühlt, aber die Umsetzung dann doch irgendwie mühsam oder unklar ist. Denn leider wird oft wenig darüber verraten, „wie“ wir das Ganze dann auch in die Tat umsetzen. Ja, ich möchte kreativer sein – aber wie geht das denn überhaupt? Dazu gab es in der Vergangenheit kaum ein Fach in der Schule und deshalb braucht es dafür einen kleinen Exkurs in das menschliche Bewusstsein. Philosophen und Psychologen streiten sich seit Menschgedenken darüber, was dies eigentlich ist und wo es zu finden ist, aber für unsere Zwecke können wir einfach festhalten, dass menschliches Bewusstsein genau dann ganz „vorhanden“ ist, wenn unsere Aufmerksamkeit ganz auf dem gegenwärtigem Moment liegt – also sprichwörtlich wir im „Hier und Jetzt“ sind. Das Gegenteil davon bedeutet, dass ich mit meinen Gedanken, oftmals angstbehaftet, entweder in die Vergangenheit abdrifte (die ich nicht mehr ändern kann) oder mich über die Zukunft sorge (die niemals 100% vorherzusagen ist, wie uns Corona eindrucksvoll demonstriert hat). In diesen Gedanken schaltet unser Gehirn in eine Art „Überlebensmodus“[4], d. h. es möchte uns vor vermeintlichen Gefahren beschützen und richtet damit die Aufmerksamkeit nach außen. In diesen Gedankenkinos (d.h. der metaphorische Säbelzahntiger jagt mich), wie sie vermutlich jeder kennt, ist keine Zeit für Lernen, für Kreativität oder für Empathie. Auch wenn die Angst fast immer illusorisch ist, Angst macht Stress – keine gute Voraussetzung für die Entwicklung der 4Ks. Was passiert jedoch, wenn ich ganz gegenwärtig bin, d.h. in meinem Kopf keine Gedanken an gestern oder morgen liegen? Richtig, dann schaltet mein Gehirn in den „Schöpfermodus“, in welchem man nicht nur unendlich kreativ ist, man den Status quo (ebenfalls nur Narrative, Glaubenssätze und Gedanken) von außen kritisch betrachten kann, sondern man ist quasi auch „automatisch“ kollaborativ und kommunikativ offen – weil eben nur die Gedanken aus besagtem Überlebensmodus die „Blockierung“ waren, die sich davor geschoben hat. Bildlich gesprochen ist gegenwärtiges Bewusstsein also wie der blaue Himmel und Gedanken wie Wolken – es besteht nicht „entweder blauer Himmel oder Wolken“, sondern der blaue Himmel ist immer da – auch wenn er aufgrund manchmal heftiger, stressiger Gedankenwolken nicht zu sehen sein mag. Das Positive dabei ist, dass die „Qualität“ dieses Bewusstseins kreativ, empathisch und urteilsfrei beobachtend ist. Was auch erklärt, warum kleine Kinder bei Kreativitätstests oftmals wesentlich besser abschneiden, als Erwachsene, da eben mentale Glaubenssätze sich noch nicht so stark etabliert haben. Es bleibt also festzuhalten: Wenn wir bewusster im Moment sind, dann sind die 4Ks quasi „natürliche Nebenwirkungen“ statt erst zu akquirierende Kompetenzen. Und das ist ein wichtiger Punkt: Diese zutiefst menschlichen Zukunftskompetenzen entstehen nicht durch harte Arbeit, Wille und Disziplin – sondern viel mehr durch Loslassen, Auflösen und urteilsfreiem Bewusstmachen.

 

„Zurück auf Los“? Wie wir wieder bewusster und ganz ‚Mensch sein‘ können

Auch wenn es vielen Menschen im wahrsten Sinne des Wortes nicht bewusst ist, es sind genau diese gegenwärtigen Zustände der Ruhe, Zufriedenheit und des Glücks, nach welchen wir egal mit welchen privaten oder beruflichen Tätigkeiten streben. Allerdings ist auch festzuhalten, dass bei allen Vorteilen und Chancen fortschreitender Digitalisierung, die Technik oftmals „Verstärker“ der oben genannten mentalen Gedankenwolken sind: Wenn wir uns tagtäglich mit Unmengen an (meist negativen) Informationen ohne Pause aussetzen, dann werden diese konditionierten Muster unbewusst weiter verstärkt, was folglich zu weniger „4K-Kompetenz“ führt. Doch schaut man sich die aktuellen Sachbuch Bestsellerlisten an, dann scheinen viele Menschen genau diese Imbalance erkannt zu haben, da sich Bücher um „Achtsamkeit“, „Sinnhaftigkeit“ und „Fokus“ meist ganz oben wiederfinden – genau wie Yoga und Meditation als Ausgleich zum stressigen Alltag einen immer größeren Boom, fernab von alten Vorurteilen von Esoterik und Spiritualität erfährt. Und genau dort liegt auch der praktische Anknüpfungspunkt: Ist uns allen erst einmal bewusst, dass die Essenz des „Mensch seins“[5] unser Bewusstsein ist und von außen konditionierte Gedanken, Glaubenssätze, Ängste uns in unserer vollen Potentialentfaltung blockieren, dann geschieht die Entwicklung von Kreativität und Co. sozusagen fast beiläufig. Praktisch gesehen könnte das z. B. vor Beginn eines Webinars oder Präsenzmeetings bedeuten, z. B. für einen Moment inne zu halten oder alle Menschen mit ihren Ängsten und Gedanken ganz „abzuholen“. Das bedeutet, die Gedankenwolken auf meinem Bewusstseinshimmel urteilsfrei zu beobachten (statt zu bekämpfen) – um dann, gegenwärtig, konzentriert und schöpferisch eine neue persönliche und berufliche Zukunft kompetent zu gestalten.

 

[1] https://unsplash.com/photos/7esRPTt38nI

[2] https://www.bpb.de/lernen/digitale-bildung/werkstatt/297360/unterrichten-nach-dem-4k-modell

[3] https://georg.westermann.de/news/schluesselkompetenz-fokus

[4] vgl. Dispenza 2012. „Breaking the Habit of Being Yourself”.

[5] https://georg.westermann.de/news/bildungsziele

Autorenfoto_BMS_Jan Ullmann zum Thema Zukunftsperspektiven
Jan Ullmann

Dr. Jan Ullmann ist E-Learning Trainer und Berater aus München und er befasst sich mit der Frage, wie man intelligente Technologien mit sinnhaften, menschenzentrierten Methoden verbinden kann. Nach Tätigkeiten bei Siemens, IBM und United Internet und Forschung an der Ludwig-Maximilians-Universität München, hat er 2015 sein Unternehmen 'Lernhandwerk' gegründet. Sein Ziel für die Zukunft der Arbeit ist die nahtlose Verschmelzung mit zeitgemäßer Bildung sowie die bewusste Potentialentfaltung eines jeden einzelnen Menschen.

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Dr. Jan Ullmann ist E-Learning Trainer und Berater aus München und er befasst sich mit der Frage, wie man intelligente Technologien mit sinnhaften, menschenzentrierten Methoden verbinden kann. Nach Tätigkeiten bei Siemens, IBM und United Internet und Forschung an der Ludwig-Maximilians-Universität München, hat er 2015 sein Unternehmen 'Lernhandwerk' gegründet. Sein Ziel für die Zukunft der Arbeit ist die nahtlose Verschmelzung mit zeitgemäßer Bildung sowie die bewusste Potentialentfaltung eines jeden einzelnen Menschen.

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