„Wir brauchen eine neue Kultur des Lernens“

Beitragsbild zum Blogbeitrag von Reinhard Adel Prof. Dr. Nele Graf und agiles Lernen
Titelbild: Diana Parkhouse on Unsplash

Nicht nur betriebliches Lernen ist im Umbruch, auch die Rolle des Personalentwicklers wird gerade neu definiert. Wie die Zukunft in erfolgsorientierten Unternehmen aussehen kann, darüber forscht und lehrt Prof. Dr. Nele Graf. Im Gespräch mit Alexander R. Petsch, CEO des HRM Institute, für den Podcast HRM Hacks gibt sie Einblick in die aktuelle Forschungslage.

Prof. Dr. Nele Graf, GF, Mentus GmbH

In einer Arbeitswelt, die vom rasanten technischen Fortschritt dominiert wird, reichen Ausbildung und Studium meist nicht mehr aus. Wer beruflich weiterkommen und Karriere machen will, der kommt um ständige Fortbildungen nicht herum. Auch für Unternehmen ist betriebliche Weiterbildung ein entscheidender Erfolgsfaktor. Der Begriff des lebenslangen Lernens ist heute aktueller als je zuvor. Doch auch Lernen will gelernt sein und unterliegt ständigen Veränderungen. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Anja Schmitz von der Hochschule Pforzheim entwickelte Prof. Dr. Nele Graf die erste deutschsprachige Definition für den Begriff „Agiles Lernen“.

Agiles Lernen – eine erste Annäherung

Die vordergründige Frage ist zunächst natürlich, was steckt hinter dem Begriff „Agiles Lernen“. Denn hierbei handelt es sich nicht nur um ein Individuum, das seinen Lernprozess selbst steuert. Für Graf lässt sich agiles Lernen von agilem Arbeiten nicht trennen. „Es geht darum, in der Arbeitswelt anpassungsfähig und innovationsfähig zu sein, egal in welchem wirtschaftlichen Kontext.“ Oder, in anderen Worten, wettbewerbsfähig zu bleiben. Das gilt für Arbeitnehmende wie auch für Unternehmen.

Nach Auffassung von Graf muss betriebliches Lernen in vielen Kontexten interaktiver und experimenteller gestaltet werden als bisher. Die klassischen Weiterbildungsangebote à la Seminare oder Trainings genügen den Anforderungen des immer anspruchsvolleren Marktes nicht mehr. „Agiles Lernen“ betrifft daher nicht nur den Einzelnen, sondern auch die Unternehmensorganisation. „Wir brauchen eine grundsätzlich andere Kultur des Lernens“, fasst es Graf in dem Gespräch mit HRM zusammen.

Für Personalentwickler heißt das, dass sie über ihre gewohnte Rolle hinauswachsen müssen. „Vor allem strategische Fähigkeiten werden von ihnen in Zukunft verlangt“, glaubt Graf. Dazu gehört herauszufinden, welche Art von Lernangeboten Mitarbeiter überhaupt brauchen. Ebenso müssen sich Personalentwickler der Frage stellen, wie sie ihre Mitarbeiter konkret dabei unterstützen können, ihren Job zur Zufriedenheit aller auszuführen. Also individuelle und lösungsorientierte Ansätze finden, die mitunter nicht bequem sind. Der Personaler wird somit zum Lernexperten.

Broker oder Community Manager

Eine weitere Rolle für zukunftsorientierte Personalexperten ist nach Ansicht von Graf die des Brokers, oder Community Managers. „Seine Aufgabe ist, nicht nur Wissensträger miteinander zu verknüpfen, sondern auch Leute mit neuen Formaten und mit Content zusammenzubringen.“ Doch nicht nur das, auch neue und innovative Lernformate soll der moderne Personaler in die Unternehmen einbringen. „Das miteinander und voneinander Lernen ist ein ganz entscheidender Punkt“, glaubt die Wissenschaftlerin, „denn letztlich bedeutet agiles Lernen auch kollaboratives Lernen, bei dem der Einzelne gleichzeitig auch Teil des Lehrenden ist“. Der Lernende nimmt einerseits den konsumierenden Part des Zuhörers ein, andererseits gibt er gleichzeitig aktiv sein Wissen an die anderen Teilnehmer weiter.

Moderner Personalentwickler als Kulturförderer

Doch damit nicht genug. Graf sieht moderne Personalentwickler zudem in einer kulturfördernden Rolle. Lernwilligen Mitarbeitern muss Zugang zu Lernmöglichkeiten geschaffen werden, beispielsweise zu E-Learning- und betrieblichen Weiterbildungsangeboten. Und das möglichst ohne zeit- und kräfteraubende Genehmigungsprozesse. Gleichzeitig befürwortet Graf die Umstellung von individuellen Bonuszahlungen auf Teamboni oder Organisationsboni. Damit soll die Bereitschaft der Mitarbeiter gefördert werden, wertvolles Wissen zu teilen und der Gruppe zur Verfügung zu stellen. Für Graf gehören diese Punkte zur Grundvoraussetzung, „wir brauchen erstmal einen fruchtbaren Boden“.

Die Wissenschaftlerin stellt sich auch der Frage, ob die Lernrevolution „Agiles Lernen“ nicht auch eine Gefahr für etablierte Unternehmenskulturen darstellen könne „Absolut. Unsere Welt wird ja ständig komplexer, auf diese Komplexität kann man mit mehr Kontrolle reagieren, oder die Verantwortung an den Einzelnen weitergeben.“ Entscheidet sich ein Unternehmen für die zweite Option, heißt das mehr informelles Lernen und damit weniger Bildungszertifikate und weniger Überwachung von Kursteilnehmern. Doch die Mutter aller Fragen in diesem Zusammenhang ist für Graf: „Wie werden informell erworbene Kompetenzen transparent? Wie machen wir sichtbar, dass diese Kompetenzen erworben wurden und für das Unternehmen oder für eine Bewerbung nutzbar sind?“. Die Antwort zu dieser Frage muss erst noch gefunden werden: „Da ist noch viel im Hintergrund zu klären, da hängt noch ein Rattenschwanz an Veränderungen dran.“

Fazit

Und dennoch ist Graf überzeugt davon, dass es zum „Agilen Lernen“ keine Alternative gibt. Die würde lauten, weitermachen wie bisher. Aber das würde bedeuten, dass Unternehmen und Mitarbeiter in absehbarer Zeit abgehängt würden und nicht mehr wettbewerbsfähig wären. Der Umbruch müsse ja nicht von heute auf morgen vollzogen werden, im Gegenteil, der Umbruch selbst sei ein „tolles Übungsfeld, um agil agil zu lernen“.

Zur Person: Prof. Dr. Nele Graf beleuchtet Personalentwicklung als Forscherin, Unternehmerin und Beraterin. Sie lehrt an der HS für angewandtes Management und leitet das CompetenceCentre for Leadership & Learning, das zur Zukunft betrieblichen Lernens und Lernkompetenzen forscht. Zudem gestaltet sie als GF der Mentus GmbH mit Unternehmen deren Zukunft erfolgreicher Personalentwicklung. Sie ist führende Expertin zum Thema „Agiles Lernen“, schrieb den gleichnamigen Bestseller und bildet agile Lerncoaches aus.

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