Ein Füllhorn der Möglichkeiten

Fast zwei Jahre Pandemie haben sich als gehöriger Treiber der E-Learning-Branche erwiesen. Digitales, synchrones Lernen hat sich etabliert, traditionelle Anbieter stehen neben Start-ups, die neu in der Branche sind. Coaching und Lernen verschmelzen. Wer jetzt in E-Learning einsteigen will oder neue Anwendungen fürs Unternehmen sucht, erlebt ein Füllhorn der Möglichkeiten.

Lernen per Livestream und Video neu erleben

Das vergangene Jahr war wie schon das Jahr zuvor geprägt von Home Office und der Absage von Präsenzveranstaltungen. Auch Präsenzseminare gehörten wieder zu den Opfern der Pandemie. Des einen Leid ist des anderen Freud. Das Wachstum bei Videokonferenzlösungen wird zwischen 2020 und 2024 in etwa 24 Prozent betragen, was einem Umsatz von mehr als eine Milliarde US-Dollar entspricht, meldet das Portal statista.de. Noch mehr Wachstum wird im selben Zeitraum von Kollaborationsanwendungen für Teams erwartet. Der deutsche Videokonferenz-Anbieter Vitero aus Stuttgart, eine Ausgründung des Fraunhofer-Instituts, hat es in die Liste der „Top Tools for Learning“ am Arbeitsplatz der englischen E-Learning-Ikone Jane Heart geschafft. Auf der Liste, die per Umfrage erstellt wird, zeigt sich, wie stark videobasiertes Lernen, asynchron oder synchron, von den Lernenden am Arbeitsplatz genutzt wird. Zoom nimmt dort mittlerweile einen stabilen Platz 1 ein. Die Liste zeigt im Übrigen auch, wie der Markt in Bewegung ist und neue Anbieter den Wettbewerb vor sich hertreiben. Die Live-Streaming-Software OBS-Studio schafft es als Neueinsteiger auf Platz 33, Wonder, mit dem sich virtuelle Meetings als Social Events gestalten lassen, ist ebenso neu dabei wie VooV Meeting und Hopin oder die virtuelle Eventplattform Airmeet und der Anbieter von VR Ausstellungen, Artsteps.  Branchenriesen wie Adobe Connect, in der Gesamtwertung um 86 Plätze abgerutscht, kriegen da auf einmal heiße Konkurrenz. Davon könnten alle profitieren: die Unternehmen, weil es mehr Auswahl gibt. Die Nutzer, weil neue Anbieter innovative Ideen mitbringen und die traditionellen Anbieter, weil der Konkurrenzdruck sie zwingt, sich schneller weiter zu entwickeln.

LXP in neuen Dimensionen

Wo treffen wir uns, wenn es schon nicht die großen Branchentreffen sein können, wo findet Social Learning statt? Möglicherweise auf LinkedIn. Das Business-Netzwerk hat laut Statista im Geschäftsjahr 2021 (Stichtag ist der 30. Juni 2021) einen Umsatz in Höhe von rund 10,3 Millionen US-Dollar erwirtschaftet, was im Vergleich zum Vorjahr (8,1 Milliarden) einem Zuwachs von rund 27 Prozent entspricht. Das ist das eine. Die viel größere Nachricht in diesem Jahr war allerdings, das Gesamtkonzept, das der Mutterkonzern Microsoft und die Tochter LinkedIn mittlerweile für den Personalbereich in Unternehmen anbieten. Im Frühjahr war es Viva, das die E-Learning-Szene aufschreckte. Mit der so genannten Employer Experience Plattform (EXP) Viva integriert Microsoft unter anderem Lernen in MS Teams weit über die Videokonferenz als synchrones, digitales Lernformat hinaus. Wer sowieso mit Teams arbeitet, braucht die Anwendung nicht verlassen, klickt einfach auf einen Button und schwupps, öffnet sich die Viva-Lernwelt. Die Lerninhalte können sowohl interne Videos, Podcasts und andere von Benutzern entwickelte Inhalte sein als auch von Microsoft eigenen Anbietern wie LinkedIn Learning oder von Drittanbietern wie Skillsoft kommen. Natürlich ist auch Künstliche Intelligenz im Spiel, die dabei helfen soll, den Lernenden passende Lerninhalte zu empfehlen. Viva integriert nicht nur Lernen in Teams, sondern soll auch Themen wie Work-Life-Balance oder Wissensmanagement bedienen. Das es dabei auch darum geht, jede Menge Daten zu sammeln, verwundert wohl kaum. Während der Mutterkonzern sich noch mit Viva beschäftigte, war auch die Tochter LinkedIn nicht untätig. Deren eigene Learning Experience Plattform, der LinkedIn Learning Hub, ging im April an den Start. Das komplette LXP indiziert Lerninhalte und hilft, individuelle Lernpfade zu erstellen, unterstützt Lerngruppen und erlaubt, Inhalte aus vorhandenen LMS und LXPS des des Wettbwerbs von Cornerstone bis SuccessFactors hineinzunehmen. Ein Highlight ist die integrierte Skills Taxonomy. Fachkräftemangel, Home Office, globale Standorte und kurze Entwicklungszyklen machen es Unternehmen nicht leichter, immer die passenden Kompetenzen bzw. Mitarbeitenden oder Talente am Ort des Bedarfs zu finden. Das Besondere daran ist, dass LinkedIn dem Vernehmen nach für die Taxonomy Daten nutzt, die es zuvor über das hauseigene Business-Netzwerk gesammelt und ausgewertet hat. Ein wahrer Schatz, den die vielen Millionen Mitglieder da liefern! Aber immerhin, die Konkurrenz schläft nicht. Und so hat auch Cornerstone, das sich in diesem Jahr übrigens von der Börse verabschiedet hat, mit Xplor ein Produkt auf den Markt gebracht, das alles bieten soll, was gerade hipp ist: eine neue kompetenzbasierte, KI-gestützte Plattform, die als LXP-, Talentmobilitäts-, Karriere- und Kompetenzplattform konzipiert ist, und die laut internationalen Experten wie Josh Bersin das Potenzial hat, die L&D-Landschaft zu verändern.

E-Learning-Marktplätze erobern Corporate Learning

Jetzt sind wir gerade vor Weihnachten und womöglich haben Sie auch noch keine Geschenke. Ich habe in den letzten Jahren auf den letzten Drücker schon Udemy-Kurse verschenkt. Von „Singen für Einsteiger“ bis „Ethical Hacking“ gibt es fast nichts, was man dort nicht lernen kann. Doch Udemy als Marktplatz für Lerninhalte beglückt nicht nur Privatleute. Es hat auch eine Business-Abteilung für Unternehmenskunden und die hat sich zum wahren Motor der Entwicklung gemausert, die mittlerweile zu einer Marktkapitalisierung an der Börse von über vier Milliarden Dollar geführt hat. Udemy for Business stellt Unternehmen Kurse zur Verfügung, die sich bei den Privatkunden bewährt haben und hoch bewertet wurden. Weil alle Autoren, die Kurse in den Marktplatz einstellen, daran interessiert sind, möglichst viele zu verkaufen, sind sie stets bestrebt, sie zu verbessern. Sie machen nichts anderes, das ist ihr Geschäftsmodell. So stehen neue oder aktualisierte Lerninhalte sehr schnell zur Verfügung, die Bewertung übernehmen die User. Udemy selbst ergänzt Lernpfade und neuerdings sogar ein Kompetenzmodell. Mit CorpU gibt es außerdem eine eigene Online-Akademie speziell für Führungskräfte. Udemy ist und wird nicht der einzige Marktplatz fürs Lernen bleiben, auf den Unternehmen zugreifen können.

Coaching für alle on Top

Ein ähnliches Marktplatz-Geschäftsmodell wie Udemy für Lerninhalte verfolgt sehr erfolgreich CoachHub. Der Berliner Coachingmarktplatz sammelte in drei Finanzierungsrunden seit der Gründung 2018 133 Millionen US-Dollar ein und hat es als einziges deutsches Start-up auf die Liste der Top 25 der europäischen EdTech Start-ups geschafft (https://visugram.com/topics/9a137322-ae50-4d20-af39-ab68bea36387/420b5335-aff1-4b64-b279-519718618ea3). Coaching liegt voll im Trend, wobei Coaching nicht gleich Coaching ist. Es geht nicht mehr nur darum, etwa Führungskräfte mittels persönlichem Coaching auf die nächste Karrierestufe vorzubereiten oder CEOs einen Sparringspartner für den persönlichen Austausch zur Verfügung zu stellen. Zahlreiche Coaching-Apps und Portale wollen Coaching vielmehr demokratisieren und sehen Coaching-Anwendungen auch als konkrete individuelle Lernhilfe. Virtuelle Plattformen und Apps ermöglichen, das Coaching günstiger wird. Einige arbeiten mit Chatbots und Avataren, die jederzeit ansprechbar sind und den Coachee begleiten – ob es jetzt darum geht, seine Präsentationsfähigkeiten zu schulen oder ihn insgesamt zu einer besseren Person zu machen. Das hört sich komisch an? Ist es aber nicht. BetterUp, der us-amerikanische EdTech- und Coachinganbieter, empfängt den Kunden genau damit: die Leistung und das Wachstum von Menschen, Teams und Organisationen in den wichtigsten Bereichen zu verbessern. Wie das funktioniert? Man sehe sich Prinz Harry an, den britischen Royal, der mit Frau und Kind nach Kalifornien auswanderte und dort von BetterUp als Chief Impact Officer angeworben wurde. Scherz beiseite: BetterUp hat ambitionierte Ziele, will Menschen und Unternehmen helfen, Spitzenleistungen zu erreichen und ihr Potenzial zu maximieren. Eigenen Angaben zufolge ist es der Erfinder des virtuellen Coachings und heute das größte Mentalhealth- und Coaching-Start-up der Welt, das unter anderem die Raumfahrtorganisation NASA und Google zu seinen Kunden zählt. Das gefällt den Investoren, die in den verschiedenen Finanzierungsrunden laut Crunchbase bereits rund 570 Millionen US-Dollar in das Unternehmen gepumpt haben.

Digitales Lernen: Läuft

Da gibt es Content-Provider, die Land unter melden, weil sie gar nicht das Personal beschaffen können, das nötig wäre, um ihre Aufträge abzuarbeiten. Andere haben gerade harte Zeiten hinter sich, weil im Zuge der Corona-Pandemie Projekte on hold gesetzt wurden und erst jetzt wieder ins Laufen kommen. Die Saarbrücker imc AG freute sich im Herbst über den Titel „Bester Digitaler Bildungsanbieter 2021“, verliehen von der WirtschaftsWoche. Auf Platz sieben des Rankings hat sich übrigens Udemy eingereiht – aber das hatten wir ja schon. Dort kann man übrigens auch Kurse belegen, die mit Prüfungen und validierten, digitalen Zertifikaten enden. Diese bunten digitalen Orden, bestehend aus einer Bilddatei mit untrennbar damit verbundenen Daten  zum Nutzer, der ausgebenden Stelle und den erworbenen Kompetenzen, lassen sich zum Beispiel in das persönliche LinkedIn-Profil integrieren. Was der Karriere sehr helfen kann, etwa wenn ein potentieller neuer Arbeitgeber sogleich sehen kann: Der oder die hat, was ich suche. Mit dem International Council on Badges and Credentials (https://ic-badges-credentials.org/de/) hat sich eine europäische Organisation gegründet, die hart daran arbeitet, das Thema voranzutreiben. Digitale Zertifikate sollen übrigens auch in der Nationalen Bildungsplattform genutzt werden, für die das Bildungsministerium im Frühling den Startschuss gegeben hat. Das erste Pilotprojekt, genannt BIRD für „Bildungsraum Digital“, ist am ersten April gestartet. Wann es so richtig ins Fliegen kommt, bleibt spannend – wie die gesamt Branche überhaupt.

Foto von Autorin Grudun Porath_Autorin der Trendkolumne
Gudrun Porath
+ posts

Gudrun Porath ist freie Journalistin und Moderatorin. Die studierte Kulturwissenschaftlerin arbeitete für Tageszeitungen, bis sie 1999 zu einem jungen Kommunikationssoftware-Unternehmen wechselte und dort unter anderem nach dem Börsengang die Finanzmarktkommunikation verantwortete. 2005 machte sie sich als Journalistin selbstständig und spezialisierte sich auf die Themen digitales Lernen und Weiterbildung, über die sie seitdem für Fachzeitschriften schreibt und Veranstaltungen moderiert. Auf haufe.de erscheint ihre E-Learning-Kolumne.

Gudrun Porath

Gudrun Porath ist freie Journalistin und Moderatorin. Die studierte Kulturwissenschaftlerin arbeitete für Tageszeitungen, bis sie 1999 zu einem jungen Kommunikationssoftware-Unternehmen wechselte und dort unter anderem nach dem Börsengang die Finanzmarktkommunikation verantwortete. 2005 machte sie sich als Journalistin selbstständig und spezialisierte sich auf die Themen digitales Lernen und Weiterbildung, über die sie seitdem für Fachzeitschriften schreibt und Veranstaltungen moderiert. Auf haufe.de erscheint ihre E-Learning-Kolumne.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.